Ein Bild des Zufalls! Ich fuhr im Tram Richtung Innenstadt, hatte mich bewusst nicht hingesetzt, sondern stand. Ich wollte ursprünglich aus dem Tram heraus fotografieren und nicht im Tram selbst, als in der Bahnhofstrasse ein Tram in der Gegenrichtung anhielt – und sich diese zwei Menschen in gewissem Sinne begegneten. Ich und meine Kamera waren schnell genug um das einzufangen, was meine Augen in jenem Moment, der höchstens für drei bis fünf Sekunden sichtbar war, einzufangen: In meinem Tram der Mann, offensichtlich aus der 68er-Generation stammend, seinerzeit ein Revolutionär gegen das Establishment, erkennbar an zahlreichen «Accessoirs», die in jener Zeit üblich waren, die personifizierte friedliche Revolution, ein wandelndes Relikt der freien Liebe, von Freiheitsdurst beseelt, wie einst im Film «Easy Rider» zu sehen, nicht Willens, an seinem Lebensstil, für welchen er sich einst entschieden hatte, etwas zu ändern. Im anderen Tram der junge Mann, seine Haarpracht im Irokesenstil der Punk-Generation der 80er-Jahre hergerichtet, nach Aussen hin bewusst unfriedlich eine Veränderung anstrebend (aber dennoch als klassisches Konsumkind anhand der drahtlosen, seinerzeit sehr teuren Kopfhörer erkennbar), der personifizierte mindestens dritte oder vierte Aufguss einer rebellischen, einstmals stark von der Punk-Musik geprägten Generation, die insbesondere in Zürich zumindest mir als vollkommen «modisch» (im Sinne von «unglaubwürdig») erscheint, weil es in dieser Stadt immer mal wieder jene modischen Strömungen unter jungen Menschen gibt, die vielleicht keine Lust darauf haben, sich dem Kleidungskodex, der von der Modeindustrie und dem eigenen Umfeld diktiert wird, zu unterwerfen, aber ebenso keine Lust haben – im Gegensatz zu jenem Mann in meinem Tram – auf gewisse «Annehmlichkeiten» zu verzichten. Gerade vor wenigen Tage erblickte ich an einem anderen Ort eine junge «Dame», die wohl irgendwie auf «anders», vielleicht sogar «Punk» machen wollte. War schon das Handy in ihren Händen für meine Begriffswelt zutiefst fragwürdig, so schlug ihr T-Shirt dem Fass den Boden aus. Gut, es war schwarz. Aber das bunte «Lacoste»-Logo war einfach zu viel.

Jens Liedtke Nicht wie, sondern warum. , ,