Vor nicht allzu langer Zeit entstand dieses Bild, als ich früh an einem Wintermorgen  auf meinem Balkon stand und jenes eigenartige Licht der durch den Hochnebel brechenden Sonne erblickte. Ich mag jene sehr eigenen Lichtspiele des Winters sehr, also schnappte ich mir meine Kamera und versuchte, die Stimmung jenes Momentes einzufangen. Aber es dauerte für meine Verhältnisse ungewohnt lange, bevor ich den Auslöser betätigte, zu sehr wühlte mich eben jenes besondere Licht in jenem Moment auf, als dass ich sofort das Bild auf der Speicherkarte hätte bannen können.

In dem Moment, in welchem ich den Auslöser betätigte, fühlte ich mich genau so, wie nach zwei für mich sehr schwer wiegenden Ereignissen, die sich dieses Jahr ereignet hatten: Weder warm, noch kalt, klare Kontraste, die sich im fahlen Licht auflösen, verschwimmen, ihre eigene Identität zu verlieren scheinen. Das Licht wärmt nicht, auch leuchtet es eine ganz spezifische Szenerie nicht aus, das Licht taucht alles in ein unwirkliches, gleichzeitig fremd und doch vertraut anmutendes Licht, die Grenzen zwischen fern und nah verschwimmen, fliessen ineinander – eine bessere Beschreibung finde ich für meine derzeitige Verfassung nicht und kein Bild konnte das besser zum Ausdruck bringen, als diese Aussicht von meinem Balkon an einem Wintermorgen.

Was war geschehen, was hatte mich so tiefgründig verändert? Innerbetrieblich würde man die Ereignisse wohl lakonisch «Arbeitsunfälle» nennen und irgendwann, wenn die Mühlen, die in solchen Fällen zu mahlen beginnen, ihr Werk vollendet haben, werden diese Ereignisse ebenso innerbetrieblich zu den Akten gelegt. Aber ein Mensch ist kein Samnmelsurium aus Blättern von Papier, in einem Ordner zusammen geheftet! Schwer wiegende Ereignisse verändern Menschen, deren Geist, Seele, nennen Sie es, wie Sie wollen! Einen Betrieb interessierten solche Veränderungen bestenfalls marginal, so etwas wird auch «Berufsrisiko» genannt, aber die eigene Seele durchläuft eine sehr lang andauernde Veränderung, deren Ende oftmals nicht abzusehen ist und manchmal trifft ein Ende – wie auch immer es geartet sein mag – nie ein. Der Schaden bleibt. Dauerhaft.

Anfang Februar diesen Jahres entgleiste ich mit meinem Tram. Die genauen Umstände sollen hier nicht beschrieben werden, das tut nichts «zur Sache». In dem Moment, als das geschah, dachte ich lediglich «ok, das wars dann wohl», als ich die Container auf mich zukommen sah. So viel «Glück» aber muss «man» erst einmal haben, das verstehen, dass es nicht so weit kommt und in diesem Falle auch nicht gekommen ist. Ich bin ein religiöser Mensch, nicht aber im klassisch christlichen Sinne, ich habe mit «Kirche» nichts am Hut. Dennoch wurde ich mir bewusst, dass mich an jenem Tag Kräfte begleitet haben, die jenseits jeglicher Vorstellungskraft liegen und sich auch nicht auf einer Speicherkarte bannen lassen. Oder bestenfalls nur andeutungsweise, wie im Bild von jenem Wintermorgen 2021 zu sehen.

Hatte ich an jenem Februar-Morgen mit meinem eigenen Leben bereits abgeschlossen (was mich nicht sonderlich schockierte, ich wunderte mich lediglich über die unerwartete Art und Weise…), so wurde mir im November des gleichen Jahres überdeutlich vor Augen geführt, wie es aussehen kann, wann jemand bewusst sein Leben beenden will. Auch in diesem Falle spielen Details keine Rolle, sie sind nicht von Belang, zumindest für mich nicht. Ein Mann warf sich in Selbsttötungsabsicht vor mein Tram. Soweit mir bekannt, hat er seinen Suizidversuch überlebt. Ich kann bei diesem Resultat einfach nichts empfinden, weder Freude, noch Wut. Ich muss nicht nur immer noch mit den Folgen der Entgleisung kämpfen, sondern nunmehr noch obendrauf mit jenem Selbstmordversuch. Nur damit das klar ist: In diesem «innerbetrieblichen» Bericht ist die Rede von «wir». Nein, ich erlebte das. Von beiden Ereignissen habe ich Schäden davon getragen. Einige werden vielleicht irgendwann einmal gehen, andere werden für immer bleiben. Einer davon besteht in der Tatsache, dass ich nicht mehr dazu in der Lage bin, Menschen zu fotografieren, die so genannte «Street Photography» auszuüben. Warum? Der Mann lächelte noch, kurz bevor er sich vor mein Tram warf. Ich kann nicht mehr ablichten, was der Realität nicht entspricht. Ich habe grosse Mühe, die Schönheit dieser oder jener Ansicht einzufangen – das war vorher nicht so. Ich beobachte in mir einen Hang zu «diffus» anmutenden Darstellungen. Ich hatte schon vor alledem dafür einen Sinn, aber ich verliere die Klarheit in meiner Fernsicht. Ich meide Menschen noch mehr, als ohnehin schon.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich allein in diesem Jahr mich selbst verloren habe, unfähig war, auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können, Momente, in welchen mein Körper sein eigenes Ding macht, ohne meine Seele daran Teil haben zu lassen. Vielleicht braucht es solche Erfahrungen, um sich wieder an andere Kräfte zu erinnern oder um solche überhaupt wieder annehmen zu können. Trotz aller dunklen Momente, die mir in diesem Jahr widerfahren sind, durfte ich eine alles durchdringende Kraft und Wärme erfahren, die mich nicht nur durch die Abgründe diesen Jahres getragen, sondern vielleicht auch meinen Blick auf das Wesentliche mir selbst wieder in Erinnerung gerufen hat und hoffentlich noch lange in Erinnerung rufen wird.

Dieses Bild ist für mich das Jahr 2021.