Zugegeben: Es mag irritierend wirken, dass ich diesen Mülleimer in Berlin einst fotografierte, Mülleimer sind nun wirklich nicht gerade sonderlich appetitlich, egal, wo sie auf der Welt auch stehen und wie sie gestaltet sein mögen, dennoch musste ich speziell dieses Modell, platziert von der Berliner Stadtreinigung, ablichten. Aber warum? Einerseits mag ich das in Berlin regelrecht zur Hochkunst entwickelte Prinzip, wie man «aus Scheisse Gold macht». Berlin war arm, ist arm und wird immer arm bleiben und dennoch kann man hier damit umgehen. Mit zynistischem Witz wird hier vieles umgewandelt, mit einer neuen Bedeutung versehen und somit aufgewertet, so auch dieser Mülleimer, der den Schriftzug «Gib´s mir!» trug. Natürlich war damit etwas anderes gemeint, als mein Hirn daraus machte: Werfen Sie Ihren Müll nicht einfach auf die Strasse, sondern hier rein! Aber ich ticke nun einmal auch hier etwas anders…
Zu jenem Zeitpunkt fühlte ich mich wie ein Mülleimer. Ich sah mich mit tonnenweise Überstunden konfrontiert, haderte einmal mehr sehr mit der Überlegung, den Beruf noch weiter auszuführen, war extrem genervt und sehr leicht reizbar. In jener Zeit prasselte das eine betriebliche oder private Ungemach nach dem anderen auf mich ein. Ich hatte mich so sehr an jenes Prinzip gewöhnt, dass ich hin und wieder zu mir selbst sagte: «Ja, is ejal, jib´s mia, hab jetzte eh keene Zeit und keen Nerv mehr, dit alles sofort zu verdauen, ick mache dit dann vielleicht irjendwann mal. Jib´s mir eenfach, hastes eh noch nie anders jemacht.» Ein solches Denken, ein derartiger zynischer Witz ist in Zürich undenkbar, vor allem in den städtischen Betrieben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass man sich auch hier zuweilen selbst als städtischer Mitarbeiter wie ein Mülleimer fühlen darf und muss. Trotzdem werden hier die «Haifische», wie man Mülleimer hier nennt, sicherlich nie derart verändert werden.