Manchmal wird mir erst hinterher bewusst, warum ich ein Bild geschossen habe, auch wenn ich mit der Absicht hinaus gegangen bin, Bilder zu einem bestimmten Thema zu machen. Dieses Bild von einer Tunnelpassage ist ein Beispiel dafür. Es entstand vor gut vier Jahren, ich zog hinaus in die Stadt, um gezielt Bilder von Tunneln zu machen. Tunnel, Unterführungen haben mich von je her auf eine merkwürdige Art und Weise fasziniert. Die englische Sprache kennt für das Gefühl, welches ich in Tunneln empfinde, ein sehr passendes Wort, welches sich bedauerlicher Weise nicht oder nur ungenügend in die deutsche übersetzen lässt: «Creepy». Ich kann nicht erklären, warum ich jenes Gefühl mag, es ist einfach so.
In Bezug auf meinen Beruf dachte ich bis zum heutigen Tage, dass ich – bis auf eine einzige Ausnahme – bereits alles gesehen hätte. Ich sollte mich irren. In wenigen Tagen hätte ich das Ende eines Tunnels, welcher sich am Anfang diesen Jahres vor mir erstreckte, erreicht. Aber wie das nun einmal mit mir und meinem besonderen Freund «Murphy» (Stichwort: «Murphy´s Law») so ist, baute sich jetzt, am Ende des gleichen Jahres ein neuer, wesentlich dunklerer und längerer Tunnel vor mir auf. Ich konnte das Ende jenes Tunnels erahnen, in weiter Ferne sah ich Licht am Ende des Weges. Aber jetzt, wo ich am Anfang jenes neuen Tunnels stehe, habe ich das ungute Gefühl, dass ich bis in alle Ewigkeit laufen könnte und ich würde dennoch nie das Ende jenes neuen Tunnels erreichen.

Jens Liedtke Nicht wie, sondern warum. ,