Zwei Jahre ist es her, dass dieses Bild entstanden ist. Seinerzeit wurde dazu aufgerufen, das Haus nicht zu verlassen, zwischenmenschliche Kontakte zu minimieren, wannimmer und woauchimmer möglich. Eine Pandemie hatte Besitz von der Welt ergriffen. Jeder Mensch hatte Angst vor etwas Unsichtbarem. Ich auch, ich nehme mich da nicht raus. Trotzdem konnte ich nicht anders und ging raus, lichtete meine direkte Umgebung an vier aufeinander folgenden Tagen ab, die Stadt Zürich in der Schweiz. Dieses Bild entstand an einem Montag in etwa um 9:30 Uhr. Unter normalen Umständen wären auf diesem Bild sehr viele Menschen zu sehen, die sich durch die Einkaufs- und Luxusmeile dieser Stadt bewegen. Aber an jenem Montag war alles anders, die Regierung dieses Staates hatte bestimmte Empfehlungen veröffentlicht. Jene Empfehlungen fegten den wandelnden Virenträger mit Namen «Mensch» von den Strassen der Stadt. Jeder hatte Angst. Um sich selbst, die eigene Gesundheit. Jeder hatte Angst, früher sterben zu müssen, als sie oder er es sich vorgestellt hatte. Auch hier nehme ich mich nicht raus. Auch ich hatte Angst. Aber das interessierte meinen Arbeitgeber nicht. Also ging ich meiner so genannten «Berufung» nach, während um mich herum sich zahllose Menschen in das so genannte «Home Office» verziehen konnten. Frontsoldat, sozusagen. Dreckfresser.

Es sollte nicht lange dauern, bis sich der erste Unmut zeigen sollte…

«Hey Bund, hey Staat, ich bin Steuerzahler! Mach was!». Es folgte das Kuriosum der Masken-Qualitätsdiskussion. Findige Unternehmer wussten sofort, was zu tun ist. Wer auch immer programmierte eine App, ein anderer Werauchimmer eine andere. Ich kann mich gut daran erinnern, dass in dem Tram, welches ich an einem bestimmten Tag privat nutzte, sich ein mir unbekannter Mensch lautstark darüber echauffierte, dass an anderer mir unbekannter Mensch sich dem mir vorab schon unbekannten Menschen genähert hatte. Laut App ein infizierter Mensch.

Jeder Mensch reagierte in den ersten Tagen der Pandemie sehr menschlich: «Komm mir nicht zu nahe!».

«Zu nahe kommen» war und ist für mich nie ein Problem gewesen, ich meide Menschen. Grundlegend. Diese Tage im Frühjahr 2020 waren für mich die schönsten, an die ich mich in meinem Leben erinnern kann! Ich hatte für ein paar wenige Tage die gesamte Stadt nahezu für mich allein! Keine schwitzenden Jogger in der Bahnhofstrasse, wo Joggen zur Hauptverkehrszeit «wirklich Sinn» macht, kein elendiges Gefresse im Gehen oder im Sitzen in Tram und Bus, keine sinnentleerten Telefonate, keine schreienden Kinder, keine modifizierten Menschen, die mit 40 bereuen werden, was sie ihrem eigenen Körper bereits mit 16 angetan haben. Keine Gockel, keine Hennen. Im jenen ersten Tagen der Pandemie war es egal, ob man nun arm oder reich, Chef oder Angestellter (oder «per Verfügung beschäftigter»), Mercedes-Fahrer oder aber Velo-Fahrer, Deutscher oder Schweizer, EU oder NATO, SVP oder SP, links oder rechts, Grün oder Blau, von der Erde oder Uranus abstammend, Katholik oder Moslem, schwul, lesbisch oder hetero, gebildet oder ungebildet, fett oder athletisch, Luxusurlauber oder Camper, Tech-Nerd oder aber Fundamentalist war – Ihr alle hattet schlicht und ergreifend Schiss, dass Ihr vor Ablauf der Uhr, die Ihr Euch vorgestellt habt, sterben müsstet. Ihr habt nach den Kompetenzen des Staates gekräht, unfähig, Euch selbst aus eigenem Antrieb heraus am Leben zu erhalten! Was habt Ihr nicht dieses Land, diesen Staat, diese Regierung – selbstredend über das vermeintlich anonyme Internet – eingedeckt mit Forderungen, Forderungen, mit denen Ihr selbst gnadenlos überfordert gewesen wäret, hätte man sie an Euch gestellt!

Aber ja, so ist der Mensch.

Dieser Tage vergisst Mensch, was in den letzten zwei Jahren geschehen ist. Mensch fordert vom Staat, der Regierung, den Vorgesetzten seine so genannte «Freiheit» wieder zurück. Der Staat, der sich nach bestem Wissen und Vermögen um seine Bürger in jenen ersten Tagen der Pandemie gekümmert hat, so gut es eben ging, ist jetzt der Feind eines jeden freien Menschen.

Der Mensch, welcher 2020 noch schlicht und ergreifend Schiss hatte, sie oder er müsste sofort sterben.

Mensch, du bist ein Lern-resistentes Wesen. Dann hast Du auch nichts besseres verdient, als das, was aus dieser Feststellung unweigerlich folgt.

Jens Liedtke Nicht wie, sondern warum. ,