Jüngst weilte ich an einem anderen Ort in der Schweiz, um mich einer Art von Test, meinetwegen auch Prüfung zu stellen. Ich war noch nie ein Prüfungsmensch, habe solche von je her immer mehr gemieden, als gesucht. Mein Vater titulierte mein Verhältnis zu Prüfungen und dem Aufwand, den man im Vorfeld absolvieren sollte, einst mit jenem vielsagenden Begriff «effektiv» und ja, in jungen Jahren habe ich gerade so viel gemacht, wie ich als nötig erachtete und nicht andere. Bewerten Sie das, wie sie wollen. Ich hatte nie den Ehrgeiz etwas zu erreichen, was nicht mir entspricht, nicht «ich» bin, ich wollte von je her bewahren, was ich bin. Im Laufe der Jahre hatte ich erfasst, wer ich bin, was ich kann und was ich will, somit begegnete ich Prüfungen welcher Art auch immer mit zunehmender Gelassenheit. Ich kenne meinen «Wert» und muss aus mir nicht mehr etwas machen, was ich nicht bin, ich verkaufe mich nicht mehr unter Wert. Insofern mache ich bei bestimmten Prüfungen auch keinen Hehl daraus, wo meine Stärken liegen – und auch meine Schwächen. Somit begegnete ich jener Prüfung mit einer Gelassenheit, die ich so zuvor noch nie bei mir selbst bemerkt hatte.
Ich hatte noch etwas Zeit, bevor es zur Sache gehen sollte. Die Zeit des Wartens verbrachte ich im Eingangsbereich jener «heiligen Hallen», in welchen ich mich einer Prüfung stellen sollte und auch bewusst wollte, die vorab mit jener elendigen «Altersobergrenze» des Arbeitsmarktes behaftet war. Ich hatte jene Grenze bewusst ignoriert, schliesslich kannte und kenne ich meinen Wert und tatsächlich sollte mein Alter kein Hinderungsgrund gewesen sein, sonst hätte man mich zu jener Prüfung nicht eingeladen. So sass ich dort in der Eingangshalle und liess meine Gedanken schweifen.
Obwohl es sich nicht um ein Schulgebäude handelte, erinnerte mich der gesamte Bau an die Schulen, die ich einst vor sehr vielen Jahren in Berlin besucht hatte und wenn ich mich recht entsinne, wurde dieses Bauwerk, in welchem ich gerade weilte, in dem gleichen Zeitraum errichtet, wie die Grundschule und das Gymnasium in Berlin. Sonderlich «anheimelnd» wirken solche Bauten bis zum heutigen Tage nicht auf mich und so mag es auch nicht verwundern, dass ich hier, in diesem anderen Gebäude, welches irgendwo in der Schweiz und nicht in Berlin steht, mich an so manche Szenerie aus meiner Schulzeit erinnerte, natürlich auch «Prüfungssituationen», die ich mehr oder minder «effektiv» irgendwie überstanden hatte. Die «Schule des Lebens», die ich einst in Berlin absolvierte, hatte immer noch Auswirkungen auf mein Leben. Aber ich hatte mich verändert im Laufe all der Jahre, in welchen in noch durch ganz andere «Schulen» gegangen war. Ich erinnerte mich zwar an jene eigenartig kalt-abweisende Atmosphäre, die einst in Schulgebäuden aus jener Zeit herrschte, aber heute beeinflusst diese mein Denken und Handeln kaum noch, im Gegenteil. Ich bin mir bewusst, wer ich bin und was ich kann und heute stelle ich mich keinen Prüfungen mehr, von denen mir bewusst ist, dass ich sie nicht bestehen kann und oftmals auch gar nicht mehr bestehen will.
Ich hätte diesen Weg nicht gehen müssen und tatsächlich hat mich auch nichts und niemand dazu gezwungen, mich jener Prüfung zu stellen. Aber das, was ich bin und was ich kann, entspricht nun einmal nicht gewissen «Ansprüchen», die an mich anderen Ortes gestellt werden. Somit erinnerte ich mich an einen Ausspruch eines Lehrers, der mich einst in Berlin am Gymnasium unterrichtete: «Wenn Du die Umgebungsvariablen einer Situation, in welcher Du Dich befindest, nicht ändern kannst, um selbst wieder Freude an der Situation haben zu können, dann gehe einen anderen, neuen Weg, aber vergiss dabei nicht, wer Du bist, sonst gehen Deine Qualitäten irgendwann einmal verloren.». Ich denke, dass all die Schulen des Lebens, durch die ich bisher gegangen bin, aus mir keinen Menschen gemacht haben, der ich nicht von Anfang an war. Nicht jeder mag mit meinen «Qualitäten» umgehen können, aber das ist auch nicht unbedingt mein Problem. Meine Qualitäten aber in einen für mich selbst vertretbaren Einklang mit den Qualitäten anderer Menschen zu bringen und auch bringen zu wollen, war an jenem Tag eine Prüfung, der ich mich bewusst stellte. Ich musste mich nicht «unter Preis» verkaufen, dazu war jene Prüfung zu «ehrlich», man hat meinen Wert erkannt. Trotz fortgeschrittenen Alters. Somit hat auch bei mir die «Schule des Lebens» etwas gebracht.

Auch wenn ich seinerzeit eher «effektiv» orientiert war.