Einige sehr wenige mir einstmals bekannte oder bis zum heutigen Tage immer noch sehr liebe Menschen merkten für mich vollkommen unvermittelt einst an, ich sei wie ein kleiner Junge, dessen Augen stetig wandern und entdecken würden. Ja, so bin ich, ich sehe sehr viel, diese Menschen hatten und haben Recht. Manchmal sehe ich zu viel, mehr, als ich sehen will, geschweige denn sehen möchte oder ertragen kann. Aber ich sehe. Es vergeht keine Sekunde, in welcher ich nichts sehe. Ich sehe immer irgend etwas. Eine Struktur, eine Farbe, einen Eindruck, ein Gefühl – so lange ich meine Augen geöffnet habe. Die meisten der Bilder, die ich aus jenen Sichtungen wahr nehme, verschwinden innerhalb NullKommaNix im Mülleimer meiner eigenen Wahrnehmung, sie haben mir nichts unbekanntes oder neues gezeigt, von dem ich nicht schon längst gewusst hätte, sie waren nicht eindrucksvoll genug, um mich selbst mit meiner zugegebener Massen doch etwas eigenen Wahrnehmung noch beeindrucken zu können. Aber hin und wieder sticht ein Bild aus jenen unendlich anmutenden Wahrnehmungsketten, die mich tagtäglich begleiten und nicht gerade selten mich von Sekunde zu Sekunde auf immer wieder neue Art und Weise regelrecht terrorisieren, heraus. Dieses Bild ist neuesten Datums, erst vor wenigen Stunden entstanden. Es zeigt ein Hochhaus am Bahnhof Altstetten Nord in Zürich, parallel dazu die Kondensspur eines Fliegers, der «abbiegt». Solche Kleinigkeiten sehe ich. Tagtäglich. Innerhalb von Sekunden. Tausendfach an einem einzigen Tag. Für andere Menschen vollkommen unwichtige Dinge. Manchmal wünsche ich mir, es gäbe eine Kamera in meinem Hirn, die all diese Eindrücke sofort irgendwie speichern könnte, ohne dass ich erst einen Auslöser drücken müsste. Wird es sicherlich irgendwann einmal geben, aber dann bin ich hoffentlich nicht mehr auf dieser Welt, denn dann würde Technik das beeinflussen, was ich vor wenigen Stunden aus der hohlen Hand eingefangen habe und auch einfangen wollte, weil mich dieser Zufall so sehr beeindruckt hat: Die strenge Symmetrie eines Neubaus in Zürich und die dazu vergleichsweise geradezu anarchisch anmutende Abwegigkeit eines Fliegers am Himmel, der von meinen zuweilen sehr strub oder krauss anmutenden Gedankengängen in jenem Moment keinerlei Ahnung hatte. Ein Flieger im Himmel zerstörte die Symmetrie am Boden. Ich habe das gesehen, ich habe das abgelichtet. Weil ich die Ruhe und die Zeit dafür hatte, zu entdecken und zu sehen.

Jens Liedtke Nicht wie, sondern warum. , ,