Am 22.3.2020 stand (nicht nur) Zürich fast komplett still. Kein Krieg, kein weltpolitisches Ereignis hatte dazu geführt, sondern ein winzig kleiner Virus. Kaum ein Mensch bewegte sich auf den Strassen, es wurde empfohlen, zu Hause zu bleiben und trotzdem konnte ich nicht anders, ich musste raus und das im Bild fest halten, was bis zum heutigen Tag nahhaltigen Einfluss auf die gesamte Menschheit hat. Sonderlich wohl fühlte ich mich bei meinem Vorhaben nicht, bisher war so gut wie nichts über jenes Virus gesichert bekannt, aber meine Neugier war einfach zu gross. Also schnappte ich mir meine Kamera und fuhr mit dem nahezu leer gefegten Tram in die Innenstadt von Zürich. Ich wollte meine «üblichen» Pfade ablaufen, um jene zutiefst eigenartige Stimmung jener ersten Tage der weltweiten Pandemie einzufangen denn von Anfang an war mir bewusst, dass ich all das so nie wieder zu sehen bekommen würde. Das wohl eindrücklichste Bild der Serie entstand im Brennpunkt aller Eitelkeiten der Stadt an der Limmat, im Eingangsbereich der Bahnhofstrasse am Hauptbahnhof. In aller Seelenruhe konnte ich mich mitten auf der Strasse postieren und dieses Bild machen. Die zwei oder drei Menschen, die zu jenem Zeitpunkt so wie ich dort herum stromerten, machten sehr, sehr grosse Bögen umeinander…
Bei jenem Gang durch «meine» Stadt erinnerte ich mich an all die grossen Ereignisse, die ich bisher schon in meinem Leben mehr oder minder direkt miterlebt hatte, Ereignisse, die nicht selten die Hektik der Menschheit vollkommen zum Erliegen brachten: Den Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung Deutschlands, die Golf- und die Balkankriege, Falkland, die Anschläge auf die Twin Towers, die «Vogelgrippe», das Ende der Sowjetunion, Tschernobyl und das tägliche Ablesen der Becquerel-Werte, Einführung des Euro, den Brexit – ich hörte irgendwann auf, mir all diese Erlebnisse in Erinnerung zu rufen, es waren schlichtweg zu viel! Nun kamen mir Bücher und Filme in den Sinn, aber auch hier hörte ich irgendwann auf, mir all diese Werke in Erinnerung zu rufen, die eine vergleichbare Stimmung einst bei mir hinterlassen hatten. Jetzt war ich selbst Teil eines jener Ereignisse, an die sich die Menschheit noch lange erinnern wird, selbst Teil eines Romans oder eines Filmstreifens, der die Verwundbarkeit des Menschen durch ihre nahezu vollkommene Abwesenheit in der sonst so quirligen Bahnhofstrasse überdeutlich vor Augen führte: Und ich ahnte bereits, in welche Richtungen sich das entwickeln würde, wie der Mensch einmal mehr auf all das reagieren würde. An den beiden Folgetagen zog es mich erneut in die Stadt, ich wollte so viele Eindrücke wie nur irgend möglich einfangen. Ich schaute mir die Bilder, die bei meinen Streifzügen entstanden waren, nachdenklich noch sehr, sehr lange an.