Je älter ich werde, umso mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass es nicht möglich ist, ein «objektives» Bild über einen Menschen zu gewinnen, wenn man zahlreiche andere zu jenem befragt, zu gross und letztlich auch zu verwirrend sind die Differenzen in den Details. Weitaus sachdienlicher sind die Ausführungen und Angaben eines Menschen, der einen selbst seit vielen Jahren kennt und bis zu einem gewissen Grad alle Veränderungen und Entwicklungen miterlebt hat, aber mit solchen kann ich nicht aufwarten, zu viele Veränderungen haben mich in meinem Leben begleitet. Es bleibt mir also nichts anderes, als mich selbst ein klein wenig zu beschreiben – und das kann per se nicht vollumfassend objektiv sein, behandeln Sie also die nachfolgenden Ausführungen mit einem gewissen Abstand. Denken Sie dabei an den Abstand zwischen Kamera und Motiv, denn so nehme ich meine Umwelt wahr: Immer aus einem gewissen Abstand heraus!
1968 in dem damals noch eingemauerten Berlin West geboren verschlug es mich im Laufe von mehr als fünfzig Jahren über mehrere Zwischenstationen in die Schweiz. Auf allen diesen Wegen hat mich immer irgendeine Kamera begleitet, in manch einem Jahr entstanden sehr viele Bilder, in anderen sehr wenige, aber ich kann mich nicht daran entsinnen, dass in einem Jahr kein einziges Bild entstanden wäre. Fotografie hat mich von dem Zeitpunkt an begleitet, in welchem mir mein Vater eine Kamera in die Hand drückte und in mir einen Sinn für dieses Medium weckte, mir zeigte, wie ich das fest halten konnte, was ich sah. Natürlich unterlag auch dieser Weg zahlreichen Entwicklungen und Veränderungen, aber ganz grundsätzlich gehört die Fotografie zu den ganz wenigen Dingen, auf die ich nur sehr schwerlich verzichten könnte. Ich habe immer irgendeine Kamera bei mir!
Ich halte Momente, Situationen, Atmosphären und Gefühle fest – allein schon aus diesem Grunde wäre ich ein miserabler Berufsfotograf, denn es sind ausnahmslos meine Gefühle, die mich dazu bewegen, auf den Auslöser zu drücken, nicht die eines potientiellen Interessenten. Ich gehe gerne an Grenzen und überschreite auch so manch eine, weil ich Bilder sehe, noch bevor sie entstehen. Aber ich liebe auch die Gleichmässigkeit, Strukturen, Dinge, die weitaus langlebiger sind, als einzelne Momente, Dinge, die jene unendlich anmutende Ruhe ausstrahlen. Meine Sicht auf die Dinge ist nicht nur Ausdruck meiner Interpretation einer Ansicht, sie ist vor allem Spiegelbild meiner eigenen Verfassung. Fotografie ist für mich wie die Musik eine universelle Sprache, der ich mich häufig und gerne bediene. Wer die Macht der Sprache und des Wortes kennt, der wird in dem einen oder anderen Bild von mir die gleiche Macht erkennen. Manch eine Ansicht ist – zumindest für mich – so unendlich schön, dass es mich, der Sprache durchaus beherrscht, zuweilen schlichtweg sprachlos macht.
Alles das habe ich nicht «professionell» gelernt, sondern vollends autodidaktisch mir selbst angeeignet. Sollten Sie also nach entsprechenden Auflistungen von erworbenen «Titeln» und «Professionen» gesucht haben, so muss ich Sie enttäuschen. Alle diese vermeintlich notwendigen Dinge sagen absolut nichts über einen Menschen und dessen Seele aus. Solche Titel erwerben zu müssen, nur um mich selbst einen «professionellen» Fotografen nennen zu dürfen, ist mir abgrundtief zuwider! Weder möchte ich professionell sein, noch technisch perfekte Werke abliefern. Ich sehe mich als einen Menschen der einen Weg gefunden hat, jenseits des Mediums Sprache sich selbst auszudrücken. Was ich ausdrücke, ist Teil meiner Gedankenwelt und meiner Sicht auf die Welt, in der ich lebe. Wer ich bin, was mich ausmacht, auszeichnet, charakterisiert, mich zu dem gemacht hat, was ich bin, ist oftmals in meinen Bildern zu sehen und dennoch wird es jeder betrachtende Mensch anders interpretieren, egal, ob sie mich nun zu kennen meinen oder nicht. Wer ich bin, kann man erahnen. Aber wäre das auch eine objektive Sicht auf mich?